/ FALs virtuelle Welt / Unterwegs auf dem Via Francigena

Ein Reisebericht (24. Tag)


In der Pension, in der ich übernachtet hatte, erinnerte mich an Absteigen, wie man sie aus Filmen wie den „Blues Brothers“ kennt. Ein Frühstück brauchte ich da nicht zu erwarten und musste, um den Zug zu erwischen, ja auch schon früh raus. Von der modernen Faulheit angesteckt dachte ich mir, ich könne doch mit der U-Bahn zum Bahnhof fahren, das Ticket sollte doch 24 Studen gelten. Das war aber ein Trugschluss: „Vale fino alle ore 24.00“ heißt eben, dass um 24 Uhr Schluss mit Fahren ist. So weit war die Entfernung jedoch nicht zu laufen, also nahm ich die Beine in die Hand. Ich wollte kein Geld mehr abheben, hatte aber bis auf fünf Euro gar nichts mehr in der Tasche; na, etwas zu Essen bekomme ich ja, wenn ich zu Hause ankomme. Für zwei Hörnchen im Bahnhof reichte es allemal noch.
Der Trevibrunnen Der Zug war wieder ein Modell aus einer anderen Zeit, ist ja klar, wieso sollte in diese Richtung ein anderer Zug fahren als auf der Hinfahrt. Der Unterschied war, dass es diesmal ziemlich voll wurde, in meinem Abteil waren alle Plätze besetzt. Und kein einziger Deutscher dabei. Da ich dachte, dass es wieder so heiß wird zog ich meine Lederhosen noch nicht an, indes war es heute kühl, entweder funktionierte die Klimaanlage oder das Wetter war wirklich ein paar Grad kälter. Ich hatte noch genug zu Lesen und beobachtete die Menschen.
Rom in der Dämmerung Als ich mir dann im Speisewagen eines dieser unleckeren Sandwiches holte traf ich einen Mann, der mir schon aufgefallen war, als er an meinem Platz vorbei in Richtung Speisewagen gelaufen war: Ein Original in Lederhosen! Den musste ich anquatschen. Offensichtlich war es nicht der erste Wein, den er hier im Stehen trank. Ich sprach ihn an, seine Antwort war aber nur, er könne kein Deutsch. Sehr seltsam. Er trug eine allgäuerische Tracht, was ich an den Schuhen gleich erkannte, und was sich auch in den Hosenträgern zeigte, wie er mir später erklärte. Von seinem Antlitz motiviert zog ich mir dann auch meine Lederhosen an, damit ich sie nicht ganz umsonst mitgeschleppt hatte, und setzte mich wieder auf meinen Platz. Inzwischen waren wir in Verona und der Halt dauerte schon viel zu lange. Irgendwann gab es eine Durchsage, der Zug habe aufgrund eines Lokschadens eine halbe Stunde Verspätung. Daraus wurden dann eineinhalb Stunden; tja, es kann eben nicht alles so zuverlässig wie mein Körper sein: von Gott geschaffen und von FAL gewartet.
Das 24-Stunden-Ticket Irgenwann, als er zum wiederholten Male in den Speisewagen lief, fasste der Allgäuer dann doch Vertrauen in mich, schließch hatte ich ja nun auch meine Lederhosen an. Das folgende war eines der interessantesten Gespräche der ganzen Pilgerfahrt. Und ich musste lernen, mir von ihm nicht meinen „Erfolg“ kleinreden zu lassen, ich bin meinen Weg gegangen und dass jeder andere vieles anders gemacht hätte braucht mich ja nicht zu stören.
Was war das Ende vom Lied der Verspätung? Der Anschlusszug in München war weg, dadurch bekam ich keinen Anschluss in Ulm mehr und der letzte Zug ins Brenztal fuhr nur bis Niederstotzingen. Und weil mich mein Vater hier abholte merkte ich, dass ich wieder zurück bin in der „normalen“ Welt, wo es unheimlich tragisch ist, dass es regnet, oder ein Zug nicht so fährt, wie er sollte.